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Wahre Liebe und wahrer Gehorsam

Geschrieben von: Tonia Long

Während die wahre Liebe – der Sohn Gottes – am Kreuz seine Hände ausbreitet, wächst die Dimension des Querbalkens über die Kontinente und Sprachen hinweg, ist nicht mehr leeres Wort und eitles Gerede, sondern Tat und Wahrheit. Während das Herz den Stoß des Todes erleidet, öffnet es sich ganz und wird zum Zeichen und zum Appell an alle.

Keiner, der die Straßen dieser Welt durchwandert, kann diesen Zeichen entgehen. Wollte man auch dieses Kreuz verfluchen, wollte man es dem Spott und dem beißenden Hohn überlassen, wollt man ihm entlaufen, wie es die Bewohner von Jerusalem taten, als sie die Dunkelheit der Hinrichtungsstätte enthüllte, – im tiefsten und letzten bleibt das Kreuz eine Realität, an die man selbst geheftet ist.

Nicht der Hass, nicht die Stacheldrahtverhaue, Wachtürme und Schutzwälle, nicht das infernale Dröhnen zerberstender Feuer, nicht die tödlichen Giftwolken, ja nicht einmal der Parteivorsitz eingefleischter Fanatiker, die Völker unterjocht halten sind das Letzte. Denn Hass ist nur der erbärmliche Ersatz für eine wütende Ohnmacht. Er weist auf den Urschrei unserer Existenz hin: auf den Schrei nach empfangender Liebe, aus der allein uns Menschen wahre Geborgenheit zuwachsen kann. Diesem Schrei aus unerfüllten Herzen kann niemand entgehen. Darum ist der Querbalken des Kreuzes in allen gegenwärtig.

Der Größenwahn des Menschen baut die Türme von Babylon und verwirrt die Sprachen, unser Herz aber sucht die Liebe. Und der da hängt an einem Längsbalken und an einem Querbalken, dieser Menschensohn, er liebt. Seine Liebe offenbart sich an seinem Leib: in Fleisch und Blut. Er ist an das Kreuz geheftet. Nägel fixieren seine Hände. Eisenstifte durchdringen seine Füße. Menschen haben ihn preisgegeben und  das Missverständnis und der Aufstand des Menschen gegen Gott. Nun hängt er da, den man zuvor gezerrt, gequält und geschlagen hat; und aus seinen Wunden quillt Blut hervor, dass zur Erde nieder rinnt. Mochte er zerren und reißen, so viel er wollte, er würde Hände und Füße nicht lösen können. Mochte er ruckweise und in Zuckungen sich des Kreuzes entledigen wollen, er würde seine Qual nur verdoppeln, er würde sie bis ins Grenzlose steigern, aber er käme vom Kreuz nicht los. Man hat ihn entblößt. Er konnte sich den Menschen in seiner Schmach nicht entziehen. Nur eines blieb ihm, durchzuhalten bis in die Flammen des Todes hinein.

Da geschieht ein völlig Unerhörtes: Dieser Menschensohn entzieht sich Gott, seinem Vater, nicht, wie wir das alle tun. Er rebelliert nicht. Gehorsam hat er das Kreuz auf sich genommen. Gehorsam durchleidet er es, bis er sein Leben in die Hände seines Vaters zurücklegt, dessen Willen er erfüllt. Ja, er selbst besteigt das Holz der Schmach, um alle an sich zu ziehen. Er bezahlt eine Schuld, die andere verbrochen haben. Er erfüllt vor Gott, was andere im Trotz verweigern. Sein Tun geht an die Wurzel unseres Seins, dorthin, wo das Wesen des Menschen offen steht vor der Macht dessen, der den einzelnen beim Namen ruft. Darum wurde das „Ewige Wort“ Fleisch, um die Sünden hinweg zunehmen. Und da der Trotz und die Verweigerung vor Gott, uns Menschen dem Nichts, dem Nihilismus und dem Tod ausliefern in den Millionen und Abermillionen Sterbender, deren Klagelied in den letzten Augenblicken ihres Lebens jedes Mal neu erschüttert. Sein Gehorsam bezeugt die unantastbare Heiligkeit der Hoheit Gottes und stellt den göttlichen Willen wieder mitten zwischen den Menschen. Dieser Gehorsam ist Leben im Tod.

O Sünde der Menschen! Wahrhaftig, sie kann sich bis in die Stunde des Todes hinein in endlosen Selbstlügen betrügen. Man kann der Annagelung und dem Kreuz jeden Tag von neuen entlaufen. Doch am Ende des Weges wird man eingeholt, und (ob man will oder nicht) man hängt dann selbst  zwischen der Annagelung am Kreuz, um dem Tor des Todes entgegengeschleudert zu werden, unausweichlich und absolut.

Man hat die Zwänge verlacht und wird bezwungen. Man hat den am Kreuz mit Spott und Hohn überschüttet und haftet nun selbst daran. Man hat sich gebärdet wie ein fetter Atheist und blieb am Schluss in den Ungewissheiten der Fragen hängen, ungetröstet und unerlöst im vergehenden Bangen des kommenden Gerichts. Ja, man kann die Tiefe seine Seele erschlagen und verschütten, aber jeder weiß (auch wenn er es leugnet), dass unter der Verschüttung Wahrheit verborgen ist,  oder dass die Leiche der erschlagenen Tiefe einen ständig anstarrt und sich nicht wegschaffen lässt.

Als Adam im Paradies gesündigt hat, floh er vor Gott. Wahrhaftig, er floh! Er versteckte sich, er fühlte sich nackt. Ist nicht genau dieses das Mysterium unserer rebellischen Generation: die Flucht, das Versteck, die Leugnung und dann am Ende Spott und Hohn der Rebellion und das Auftürmen der eigenen Werke bis vor die Himmel, um sich dahinter zu verbergen?

Wir haben vom Baum der Erkenntnis gegessen. Wir wollen in unserem Wissen Gott gleich sein. Denn die Exakte Naturwissenschaft (so meinen viele) kann Gott völlig entbehren und bedarf Seiner nicht mehr. Wie wissen selbst um die inneren Zusammenhänge und bestimmen darum selbst, was gut und böse zu sein hat.

Der Apfel der Erkenntnis ist süß. Das berauschende Gefühl menschlicher Erhabenheit durchbebend, und das bis in jene Sekunden hinein, da unsere Augen in Jähen Erschrecken die eigene Nacktheit „ent-decken“, das blanke Nichts, in dem wir nun darin stehen. Die Frucht vom Baum der Erkenntnis ist eine Täuschung. Auf sie folgt der Tod und ihm entgeht keiner.

Aber diesem Tod geht das Kreuz voraus, an dessen Nägel man hängt. In heißer Auflehnung zerrt man an der Anheftung und schreit, kommt aber von den Nägeln nicht los, sondern sterbend verblutet man darin. Der letzte Schrei steigt dann wieder aus der Tiefe der Seele hervor, aber er wird dort herausgeschrien, wo schon kein Mensch mehr helfen kann, sondern nur Gott. Gott aber (o entsetzliche Strafe!), der Herr ist nicht gegenwärtig! Oh, jener barbarische Ungehorsam, das ist unsere Sünde: sie zerstückelt die Schutzlosesten und Kleinsten im Schoße ihrer Mütter und mordet sie, um der Geilheit und Unzucht willen zerstört sie die Liebe und Geborgenheit der Ehen und Familien unter den Menschen, sie Rafft ohne Maßen und reißt viele Güter an sich, sie lügt in goldenen Versprechungen, ihre Begierlichkeit kennt keine Grenzen und macht vor keiner menschlichen Bastion halt. Sie zerstört den Hort der Familie in maßlosen Emanzipationstänzen, sie kennt keine Zeiten der Anbetung, der Stille, der Ruhe, ereifert sich lästernd gegen Gott und leugnet ihn öffentlich Blankweg.

Aber der Ungehorsam ist schon in seiner Wurzel die Zerstörung unseres Selbst. Denn jene Barbarischen Kriege, die wir heraufbeschwören, sind ja nicht nur das Versagen einiger beutegieriger Industrieller oder machthungriger Politiker, sondern unser Stolz und Egoismus und unsere Rebellion gegen Gott. Die Strafe seht: der Tod und die Abwesenheit Gottes bis durch die Flammen des Todes hindurch.

Otto Maier

Quelle: Pilgerfahrt nach Fátima – 1967 – SJM-Verlag, Neusäß

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