Diese Betrachtung stammt aus den frühen 1970er Jahren. Zu jener Zeit war Pater Pio noch weder selig- noch heiliggesprochen. Die Worte dieser Meditation klingen fast aktuell. Die damals genannten Krisen – Hass, gesellschaftliche Spannungen, Gewalt, Terrorismus und Krieg – klingen auch in unserer Zeit bekannt. Besonders im Herz-Jesu-Monat Juni kann diese Betrachtung helfen, neu auf die Quelle der Hoffnung zu schauen, aus der Pater Pio selbst lebte: das Allerheiligste Herz Jesu – Quelle der Barmherzigkeit, der Sühne und der Liebe.
Liebende Sühne Mystische Vereinigung – Treue Nachahmung – Liebende Sühne
Die Sühne ist ein wesentlicher Bestandteil der Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Gerade weil diese Verehrung die Liebe Jesu betrachtet, die so oft unbeachtet bleibt und beleidigt wird, ruft sie eifrige Seelen dazu auf, sich großzügig der Sühne hinzugeben.
In der Messe vom Heiligsten Herzen Jesu beten wir:
„O Gott, Du hast uns im Herzen Deines Sohnes, verwundet durch unsere Sünden, in Deiner Güte die unermesslichen Schätze Deiner Liebe geschenkt. Gewähre uns, wir bitten Dich, dass wir, indem wir Ihm unsere hingebungsvolle Verehrung darbringen, auch unsere Pflicht der Sühne würdig erfüllen.“
Daher war die Idee des Bildhauers des monumentalen Kreuzwegs besonders treffend, Pater Pio an der vierten Station als Simon von Cyrene darzustellen. Nicht ohne Grund trägt eine umfangreiche Biographie über Pater Pio den Titel: Der Cyrenäer aller Menschen.
Tatsächlich machte Pater Pio sein ganzes Leben zu einem Werk der Sühne für die Undankbarkeit so vieler Seelen, die durch das Blut Christi erlöst worden waren; für die Lästerungen und Beleidigungen, über die Sein Herz in der großen Erscheinung gegenüber der heiligen Margareta Maria klagte. Er flehte um Barmherzigkeit und Vergebung für alle Sünder und um das Heil aller Menschen.
Seine Sühne geschah durch das Gebet, vor allem aber durch moralische und körperliche Leiden. Moralische Leiden durch die schmerzlichen Ereignisse seines Lebens, gezeichnet von vielfältigen Prüfungen. Körperliche Leiden durch Krankheiten, die erschöpfende Arbeit im Beichtstuhl und vor allem durch das Martyrium der Stigmata, das beinahe fünfzig Jahre andauerte.
Fünfzig Jahre mit Jesus – in Getsemani und auf Golgota –, bereit, die Leiden des göttlichen Herzens mitzutragen und sich selbst als Opfer der Liebe, der Sühne und der Wiedergutmachung darzubringen.
In einem Brief vom 20. September 1912 schrieb er an seinen geistlichen Vater:
Jesus selbst hat Tränen vergossen und vergisst sie auch heute nicht – wegen der Undankbarkeit der Menschen. Er erwählt Seelen, und trotz meiner Unwürdigkeit hat Er auch die meine erwählt, um Ihm im gewaltigen Werk der Rettung der Menschen zu helfen. Je mehr diese Seelen leiden, ohne den geringsten Trost zu erfahren, desto mehr werden die Leiden unseres guten Jesus erleichtert. Darum wünsche ich nichts anderes, als immer mehr zu leiden – ohne jeglichen Trost. Darin liegt meine ganze Freude.
Hier klingt der heilige Paulus an, wenn er ausruft:
„Ich bin voll Trostes; überreich bin ich an Freude in all unserer Bedrängnis.“
(2 Kor 7,4)
Vertrauensvolle Anrufungen Das Herz Jesu als Zuflucht
In einem Brief an eine seiner geistlichen Töchter, die sich durch große Tugend auszeichnete, schrieb Pater Pio:
Verliere niemals den Mut, wenn die Stürme toben. Setze dein ganzes Vertrauen auf das Herz des gütigsten Jesus. Bete – und ich möchte hinzufügen: bedränge das Göttliche Herz mit frommer Beharrlichkeit.
Was er den Seelen empfahl, die er auf den Wegen hoher geistlicher Vollkommenheit führte, lebte er selbst zuerst und intensiver als alle anderen. In den Stürmen seines kreuzreichen Lebens setzte er seine ganze Hoffnung und sein ganzes Vertrauen auf das Heiligste Herz Jesu.
Ein besonders eindrucksvoller Ausdruck dieses Vertrauens war sein tägliches Beten jener Gebetsreihe, die als die „Unwiderstehliche Novene zum Heiligsten Herzen Jesu“ bekannt ist.
Warum „unwiderstehlich“? Weil sie auf drei feierlichen Verheißungen Jesu im Evangelium gegründet ist. Diese Verheißungen gelten unbedingt für geistliche Gnaden; zeitliche Gnaden hingegen werden gewährt, sofern sie mit Gottes Heilsplan und Seinem Willen für unser zeitliches und ewiges Wohl übereinstimmen.
Viele von euch kennen und beten diese Novene bereits. Für jene aber, die sie noch nicht kennen, möchte ich sie hier wiedergeben und dazu ermutigen, sie täglich zu beten – zusammen mit dem Gebet um die Heiligsprechung von Pater Pio.
Erste Anrufung
O mein Jesus, Du hast gesagt:
Wahrlich, ich sage euch: Bittet, und ihr werdet empfangen; sucht, und ihr werdet finden; klopft an, und es wird euch geöffnet werden.
Siehe, ich klopfe an, ich suche und ich bitte um die Gnade …
Vater unser – Gegrüßet seist du, Maria – Ehre sei dem Vater
Heiligstes Herz Jesu, auf Dich setze ich mein ganzes Vertrauen.
Zweite Anrufung
O mein Jesus, Du hast gesagt:
Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater in meinem Namen um etwas bittet, wird Er es euch geben.
Siehe, in Deinem Namen bitte ich den Vater um die Gnade …
Vater unser – Gegrüßet seist du, Maria – Ehre sei dem Vater
Heiligstes Herz Jesu, auf Dich setze ich mein ganzes Vertrauen.
Dritte Anrufung
O mein Jesus, Du hast gesagt:
Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.
Gestützt auf Deine unfehlbaren Worte bitte ich nun um die Gnade …
Vater unser – Gegrüßet seist du, Maria – Ehre sei dem Vater
Heiligstes Herz Jesu, auf Dich setze ich mein ganzes Vertrauen.
O Heiligstes Herz Jesu, dem es unmöglich ist, kein Mitleid mit den Bedrängten zu haben, erbarme Dich unser armer Sünder und gewähre uns die Gnade, um die wir Dich bitten – durch das schmerzhafte und unbefleckte Herz Mariens, Deiner und unserer zärtlichen Mutter.
Salve Regina beten und hinzufügen:
Heiliger Josef, Nährvater Jesu, bitte für uns.
Im Gespräch mit Pater Pio Die Zivilisation der Liebe
Mystische Vereinigung – treue Nachahmung – liebende Sühne – vertrauensvolle Anrufung: Das sind die wesentlichen Merkmale der Herz-Jesu-Verehrung Pater Pios, die ich zur Betrachtung vorgelegt habe.
Nun möchte ich schließen, indem ich zu Pater Pio spreche – mit jenem Vertrauen, das ich immer hatte, wenn ich ihm persönlich begegnete, bei der Beichte vor ihm kniete oder mich mit ihm freundschaftlich unterhielt.
Geliebter Pater Pio, Du weißt, dass der Heilige Vater Paul VI. feierlich erklärt hat:
„Der Barbarei des Hasses setzen wir die Zivilisation der Liebe entgegen.“
Wie viel Hass gibt es heute in der Welt: zwischen Nationen, sozialen Gruppen, politischen Lagern und Menschen mit gegensätzlichen Interessen. Hass bringt Gewalt hervor – und Gewalt bringt Tod.
Doch wir wollen uns mit dem Papst vereinen und die Zivilisation der Liebe verkünden.
Darum fragen wir Dich, geliebter Pater: Woher nehmen wir jene Liebe, die die Welt erneuern kann?
Und Deine Antwort lautet: Aus derselben Quelle, aus der auch Du geschöpft hast – aus dem Herzen Jesu.
Denn Du warst ein bewundernswerter Zeuge und Verkünder jener brüderlichen Liebe, deren unerschöpfliche Quelle das Herz Christi ist.
Dem göttlichen Herzen ähnlich geworden, war Dein Herz – groß wie die Welt – offen für alle:
für reuige Sünder, denen Du die heiligmachende Gnade zurückgabst;
für laue Seelen, die Du entflammtest;
für eifrige Seelen, die Du zur Heiligkeit führtest;
für die Kranken, denen Du das Haus zur Linderung des Leidens errichtetest;
für die vielen Pilger aus aller Welt, die Du mit väterlicher Güte segnetest.
Wahrhaftig: Du hast an der Zivilisation der Liebe mitgebaut.
Wir bitten Dich:
Setze Deine evangelische Sendung fort – heute, morgen und immer –, damit die Menschheit bewahrt werde vor der Explosion des Hasses, vor dem Verderben des Terrorismus und vor der Tragödie des Krieges.
Nun, da Du das Herz Jesu in seiner ganzen Herrlichkeit schaust, nun, da Du für immer mit Ihm vereint bist in jenem seligen Reich,
„wo Liebe und Licht allein die Grenzen setzen“,
wie Dante sagt,
erwirke durch Deine mächtige Fürsprache, dass im Namen Christi die Zivilisation der Liebe sich ausbreite, herrsche und siege unter allen Völkern und Nationen.
Allerheiligstes Herz Jesu, erbarme Dich unser!
Heiliger Pater Pio, bitte für uns!
Quelle: Meditation von Bischof emeritus Paolo Carta, Foggia