Jahre 1934–1947
Hinter dem außergewöhnlichen Leben Pater Pios verbarg sich ein inneres Leben, das von tiefen Prüfungen geprägt war. In den Jahren 1934 bis 1947 dauerte diese Zeit der inneren Dunkelheit an. Während die Menschen vor allem seine körperlichen Leiden wahrnahmen, blieb vieles von dem verborgen, was sich in seiner Seele vollzog.
Pater Agostino, der ihn kannte und begleitete, hielt manche dieser Erfahrungen in einer Art Tagebuch fest. Am 27. Januar 1937 schrieb er über Pater Pio: „Sein Körper leidet immer. Geistlich leidet er, wie Gott es will, und Gott weiß es. Gewöhnlich sind es Prüfungen und tiefe Dunkelheiten, sodass er nicht weiß, wie er weitergehen soll.“
Pater Pio selbst bezeichnete diesen Zustand als eine „unaussprechliche Qual“. Doch es handelte sich nicht um Verzweiflung oder um einen Verlust des Glaubens. Er sagte vielmehr: „Es ist keine Verzweiflung, sondern ein völliges Nichtverstehen.“
Auch die Feier der heiligen Messe konnte für ihn zu einer schweren inneren Prüfung werden: „Bei der heiligen Messe ist eine ungeheure Anstrengung nötig, um weiterzumachen. […] Meine Krankheiten haben ihren Ursprung in einem geistlichen Schmerz.“
Anteil am Leiden Christi
Ein solches Leiden lässt sich nur im Licht Christi verstehen. Pater Pio nahm in besonderer Weise am Leiden und Erlösungswerk des Herrn teil und damit auch an jener tiefen Einsamkeit, die Jesus in der Nacht von Getsemani erfahren hat.
Gerade in diesen Jahren schrieb Pater Pio eine Betrachtung über die Todesangst Jesu im Garten von Getsemani. Er betrachtete Christus, der in jener Stunde die kommende Passion vor seinem geistigen Auge sah: die Leiden, die Verlassenheit und die Menschen, die an seinem Leiden beteiligt sein würden.
Und doch war die Liebe der tiefste Grund seines Leidens. Das unschuldige Lamm nimmt freiwillig das Opfer auf sich und übergibt sich dem Willen des Vaters zur Erlösung der Menschheit.
Vielleicht eröffnet uns dieses Geheimnis auch einen kleinen Zugang zum inneren Leiden Pater Pios. Vieles, was er in seiner Seele trug, blieb für die Menschen um ihn herum unsichtbar.
Im Dunkel für andere zum Licht werden
Die Menschen, die zu Pater Pio kamen, sahen seine körperlichen Leiden. Seine inneren Prüfungen konnten sie kaum erkennen. Gerade darin liegt etwas tief Geheimnisvolles: Er selbst ging durch Dunkelheit und konnte dadurch für andere zum Licht werden.
Die anderen sahen in ihm einen Heiligen. Pater Pio selbst betrachtete sich nicht auf diese Weise. Sein Blick blieb auf Gott und auf seine eigene Bedürftigkeit gerichtet. Noch gegen Ende seines Lebens sagte er:
„Ich hoffe, dass der Herr mir im letzten Augenblick die Gnade vollkommener Reue schenkt.“
Diese Worte zeigen etwas von seiner tiefen Demut. Je größer die Gnaden waren, die Gott ihm schenkte, desto weniger betrachtete er sie als etwas, das ihm selbst gehörte.
Die Charismen – Gaben für den Dienst
Zu seiner besonderen Sendung gehörten auch außergewöhnliche Gaben des Heiligen Geistes. Sie sind keine besonderen menschlichen Fähigkeiten oder Talente, auch keine Ausbildung und auch kein persönlicher Besitz. Gott schenkt sie zum Aufbau der Kirche und zum Dienst am Evangelium.
Schon in der frühen Kirche gab es verschiedene Charismen: Heilungen, Prophetie, geistliche Unterscheidung, besondere Weisheit oder Gaben zum Dienst an den anderen. Auch im Leben der Heiligen begegnen wir solchen Gaben immer wieder.
Doch über allen Charismen steht die Liebe. Sie ist die höchste Gabe, denn alle Gaben sollen letztlich dazu beitragen, den Menschen zu Gott zu führen und Christus in der Welt sichtbar werden zu lassen.
Deshalb kann niemand ein Charisma für sich beanspruchen oder es von Gott verlangen. Eine solche Gabe wird frei geschenkt und muss auch in Demut empfangen und gebraucht werden. Ihre Echtheit zeigt sich nicht zuletzt darin, welche Früchte sie hervorbringt: Führt sie die Menschen tiefer zu Christus, zur Eucharistie, zur Beichte, zur Gottesmutter und zur Kirche?
Eine Fülle außergewöhnlicher Gnaden
Das Leben Pater Pios war von einer erstaunlichen Fülle solcher Gnaden begleitet. Heilungen, geistliche Erkenntnis und andere außergewöhnliche Ereignisse zogen die Menschen an. Viele kamen zunächst gerade wegen dieser Dinge zu ihm.
Pater Pio aber wollte sie nicht beim Außergewöhnlichen stehen lassen. Sein Ziel war immer größer: Er wollte die Menschen zu einer lebendigen Beziehung mit Jesus Christus führen, zu Maria und zu einem Leben aus den Gnaden der Kirche.
Auch für ihn selbst waren die Charismen kein persönlicher Besitz. Er verstand sich nicht als einen Menschen, der über besondere Kräfte verfügte. Er wusste, dass er jede Gnade immer wieder neu aus der Hand Gottes empfing.
Hier liegt für uns eine schöne Lehre aus seinem Leben: Gott gibt die außergewöhnlichen Gaben und Gnaden weil Er den Menschen liebt und den Menschen zu Sich führen möchte.
Heiliger Pater Pio, bitte für uns!
Königin des heiligen Rosenkranzes, bitte für uns!
Quelle: Nach J. H. Smith pr., „Der stigmatisierte Pater Pio“, Kapitel 4: Weltweite Ausstrahlung (1934–1947).