Die Demut gestattet Christus in uns zu wachsen
„Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.“ (Joh 1,29)
Mit diesen Worten tritt Johannes der Täufer zurück. Er verweist nicht auf sich selbst, sondern auf Christus. Er lenkt den Blick weiter. Johannes lebt, was das alte Gebet Israels und der Kirche seit Jahrhunderten bekennt:
Non nobis, Domine, non nobis, sed nomini tuo da gloriam.
Nicht uns, Herr – sondern Dir.
Johannes der Täufer: Demut als innere Ordnung
Johannes weiß, wer er ist – und wer er nicht ist. Er ist nicht das Licht, sondern die Stimme. Nicht der Bräutigam, sondern der Freund des Bräutigams. „Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden“ (Joh 3,30).
Diese Haltung ist keine Selbstverkleinerung, sondern eine innere Ordnung. Wenn der Mensch seinen richtigen Platz einnimmt und Christus den Seinen, entsteht ein Gleichgewicht, das trägt. Dort, wo wir kleiner werden und Christus in uns zunimmt, wird die Seele ruhig, gesammelt und erstaunlich frei. Demut macht nicht eng – sie macht weit.
„Nicht uns, Herr“ – die biblische Wahrheit
Der Psalm bringt diese Haltung auf den Punkt:
„Nicht uns, o Herr, bring zu Ehren, nicht uns, sondern Deinen Namen“ (Ps 115,1).
Die Versuchung, sich selbst ins Zentrum zu stellen, ist alt. Doch die Schrift ist klar: Die Herrlichkeit gehört Gott allein. Paulus ergänzt: „Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn“ (1 Kor 1,31).
Demut ist Wahrheit: Alles ist Gnade. Und diese Wahrheit befreit von innerem Druck, sich selbst beweisen zu müssen.
Non Nobis Domine – vom Schlachtfeld zur Seele
Über Jahrhunderte wurde Non Nobis Domine zum Gebet von Rittern und Heiligen. Nach dem Sieg knieten sie nieder, um sich zu erinnern: Nicht menschliche Kraft hatte gesiegt, sondern Gott.
Doch dieses Gebet gehört nicht nur in die Geschichte. Es gehört in den Alltag des Christen. Die Heiligen aller Zeiten lebten daraus: Franz von Assisi, Teresa von Ávila, Ignatius von Loyola, Mutter Teresa. Sie wussten: Geistlicher Stolz macht unruhig – Demut macht fruchtbar.
Demut: Der Raum, in dem Gott arbeitet
Der Stolz verschließt die Seele, weil er alles selbst tragen will. Die Demut hingegen öffnet sie für Gottes Wirken:
„Gott tritt den Stolzen entgegen, den Demütigen aber schenkt er seine Gnade“ (Jak 4,6).
Wer nicht mehr um sich selbst kreist, findet Freiheit. Er sucht nicht Applaus und fürchtet das Scheitern weniger. Wenn Christus in uns wachsen darf, entsteht ein innerer Friede, der nicht gemacht ist, sondern geschenkt wird.
Non Nobis heute
Unsere Zeit liebt das Ich: Erfolg, Sichtbarkeit, Anerkennung. Selbst der Glaube ist nicht davor gefeit. Das Non Nobis ist ein heilsamer Gegenakzent. Es erinnert uns daran, dass alles Geschenk ist – und dass das Maß unseres Lebens nicht unser Glanz ist, sondern wie viel Raum wir Christus geben.
Johannes der Täufer hätte viele festhalten können, aber er deutete auf Jesus.
Haltung für den Alltag
Non Nobis Domine wird konkret:
- wenn wir Erfolge Gott zurückgeben,
- wenn wir Misserfolge im Vertrauen annehmen,
- wenn wir dienen, ohne gesehen zu werden,
- wenn wir lernen, andere leuchten zu lassen.
Demut heißt nicht, schlecht über sich zu denken, sondern so wenig wie möglich um sich selbst zu kreisen.
Ausblick
Johannes zeigt auf das Lamm – und tritt zurück. Seine Demut bereitet den Weg für Den, der sich ganz hingibt und die Sünde der Welt trägt.
Wo wir kleiner werden und Christus in uns größer wird, findet die Seele ihr richtiges Maß. Und aus dieser inneren Ordnung wächst Frieden, Fülle und eine stille Freude, die bleibt.
Non nobis, Domine, non nobis, sed nomini tuo da gloriam.