Pater Pio über Gottes Ewigkeit und die Kraft des Gebets
Viele Menschen tragen eine Last aus der Vergangenheit mit sich: Eigene Fehler, Versäumnisse, Sünden, alte Wunden oder die Sorge um einen geliebten Menschen, der bereits verstorben ist. Immer wieder stellt sich die Frage: Ist es nicht längst zu spät? Kann mein heutiges Gebet überhaupt noch etwas bewirken?
Eine bemerkenswerte Begebenheit aus dem Leben Pater Pios gibt auf diese Frage eine deutliche Antwort und führt uns tiefer in unseren Glauben.
Ich kann auch heute noch für den guten Tod meines Urgroßvaters beten.
Ende des Jahres 1949 erhielt Pater Pio einen Brief mit der Bitte, für eine schwerkranke junge Frau zu beten, die im Sterben lag. Ein befreundeter Arzt brachte ihm das Schreiben. Pater Pio erhielt täglich unzählige Anliegen, daher blieb der Brief zunächst ungelesen.
Als der Arzt einige Zeit später nachfragte, was er der Familie antworten solle, erwiderte Pater Pio lediglich: „Fiat – der Wille Gottes geschehe.“ Der Arzt dachte bei sich, die junge Frau sei inzwischen vielleicht schon gestorben und ein Gebet komme nun wohl zu spät.
Da sagte Pater Pio etwas, das ihn tief überraschte:
„Du weißt vielleicht nicht, dass ich auch heute noch für den guten Tod meines Urgroßvaters beten kann.“
Der Arzt widersprach erstaunt. Doch Pater Pio erklärte:
„Vor Gott gibt es weder Vergangenheit noch Zukunft. Alles ist ewige Gegenwart.“
Später traf ein weiterer Brief ein. Die Mutter der jungen Frau berichtete voller Dankbarkeit, dass sich der Zustand ihrer Tochter unerwartet gebessert habe. Pater Pio lächelte nur und sagte: „Fiat!“
Gott lebt nicht innerhalb der Zeit
Was Pater Pio hier in wenigen Worten ausdrückte, gehört zu unserem Glauben.
Wir Menschen leben in der Zeit. Für uns gibt es Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Gott aber ist ewig. Seine Ewigkeit bedeutet nicht eine unendlich lange Zeit, sondern dass Er über der Zeit steht. Für Ihn ist die ganze Geschichte der Menschheit gegenwärtig.
Der heilige Thomas von Aquin erklärt, dass Gott in einem einzigen ewigen Jetzt lebt. Deshalb kennt Er von Ewigkeit her jedes Gebet, das wir jemals sprechen werden, jede Träne, jede Bitte und jeden Akt der Liebe.
Unser Gebet überrascht Gott also niemals. Es kommt für Ihn nie zu spät.
Kann die Vergangenheit verändert werden?
Die Kirche antwortet klar: Die geschichtliche Vergangenheit lässt sich nicht ändern. Geschehenes bleibt geschehen.
Aber Gottes Vorsehung umfasst die ganze Geschichte. Als Er zuließ, dass sich ein bestimmtes Ereignis ereignete, wusste Er bereits, welche Gebete wir viele Jahre später sprechen würden.
Deshalb kann Gott Gnaden schenken im Hinblick auf Gebete, die wir aus unserer zeitlichen Sicht erst später verrichten. Nicht weil die Vergangenheit nachträglich verändert würde, sondern weil für Gott alles zugleich gegenwärtig ist.
Deshalb ermutigt uns die Kirche seit ihren Anfängen, unablässig zu beten und auf die Macht der Fürbitte zu vertrauen.
Warum wir für Verstorbene beten
Aus diesem Grund kennt die Kirche seit den frühesten Jahrhunderten das Gebet für die Verstorbenen. Bereits das Alte Testament sagt:
Es ist daher ein heiliger und frommer Gedanke, für die Verstorbenen zu beten, damit sie von ihren Sünden erlöst werden.(2 Makk 12,46)
Von unserer Seite aus beten wir nach ihrem Tod. Aus Gottes ewiger Sicht aber waren diese Gebete schon gegenwärtig, als Er in seiner vollkommenen Gerechtigkeit und unendlichen Barmherzigkeit über diese Seele richtete.
Deshalb ist kein Rosenkranz, keine heilige Messe, kein Ablass und kein Gebet für einen Verstorbenen vergeblich.
Die heilige Messe macht das Kreuz gegenwärtig
Dieses Geheimnis wird besonders in der heiligen Messe sichtbar.
Jesus Christus hat sich am Kreuz nur ein einziges Mal geopfert. Dieses Opfer wird niemals wiederholt. Dennoch besitzt es ewigen Wert.
In jeder heiligen Messe wird das eine Kreuzesopfer Christi nicht erneut vollzogen oder vervielfacht, sondern sakramental gegenwärtig gesetzt. Wir treten sakramental ein in das eine Erlösungsopfer unseres Herrn und empfangen dessen unerschöpfliche Gnaden.
So konnten sogar die Gerechten des Alten Bundes durch die Verdienste Christi gerettet werden, obwohl sein Leiden und Sterben geschichtlich erst Jahrhunderte später geschah. Gottes Heilswirken übersteigt unsere zeitlichen Vorstellungen.
Gottes Barmherzigkeit reicht bis in unsere Vergangenheit
Auch unsere eigenen Fehler und Sünden können wir nicht ungeschehen machen. Doch Gottes Barmherzigkeit vermag ihre Schuld auszulöschen.
Im Sakrament der Beichte schenkt uns Christus wahre Vergebung. Die Vergangenheit bleibt zwar Teil unserer Lebensgeschichte, aber ihre Schuld wird vergeben, und Gottes Gnade vermag sogar die Wunden unserer Herzen zu heilen.
Nichts, was wir vertrauensvoll in Gottes Hände legen, geht verloren.
Kein Gebet ist umsonst
Die Worte Pater Pios sind ermutigend. Sie erinnern uns daran, dass unser Gebet in den ewigen Heilsplan Gottes aufgenommen ist.
Für uns gibt es ein Gestern, ein Heute und ein Morgen. Gott aber ist im ewigen Heute.
Darum sollten wir niemals meinen, unsere Gebete kämen zu spät. Beten wir vertrauensvoll für unsere Angehörigen, für die Armen Seelen, für die Bekehrung der Sünder und für alle Menschen, die der göttlichen Barmherzigkeit bedürfen.
Kein im Glauben gesprochenes Gebet geht verloren. In Gottes Ewigkeit trägt jedes Gebet Frucht – auf die Weise und zu der Zeit, die Seine unendliche Weisheit von Ewigkeit her vorgesehen hat.
Heiliger Pater Pio, bitte für uns!
Unbeflecktes Herz Mariens, bitte für uns!
Quelle: G. Pedriali, Pater Pio von Pietrelcina, ein Mensch unserer Zeit, catholicus.eu