Feminismus wird heute als eine nahezu unhinterfragte moralische Autorität gesehen. Wer ihn grundsätzlich kritisiert, kann als frauenfeindlich gelten, rückständig oder gleichgültig gegenüber der Würde der Frau. Auch in kirchlichen Kontexten wird Feminismus häufig als selbstverständlich in christlichen Anliegen betrachtet – als notwendige Etappe auf dem Weg zur Anerkennung von Frauenrechten. Genau diese Selbstverständlichkeit stellt die katholische Philosophin Carrie Gress infrage.
Anlässlich ihres neuen Buches Something Wicked: Why Feminism Can’t Be Fused With Christianity entfaltet Gress eine starke These: Feminismus sei nicht einfach eine Bewegung, die über das Ziel hinausgeschossen oder reformbedürftig sei, sondern eine Ideologie, die von ihren Ursprüngen her im Widerspruch zum Evangelium stehe. Mehr noch: Sie versteht Feminismus als eine Art säkularisierte Ersatzreligion, die christliche Begriffe wie Gleichheit, Gerechtigkeit und Würde übernimmt, sie jedoch von ihrem theologischen Fundament trennt und gegen das Christentum selbst wendet.
Feminismus als Ideologie
Zentral für Gress’ Argumentation ist der Gedanke, Ideologien an ihren „Früchten“ zu messen. Feminismus müsse nicht an seinen hehren Absichten, sondern an seinen konkreten Auswirkungen auf Frauen, Männer und Familien beurteilt werden. In dieser Perspektive stellt sie ihn in eine Reihe mit anderen modernen Ideologien, die moralischen Anspruch erheben, dabei aber christliche Ordnungen untergraben.
In Anlehnung an Analysen des 20. Jahrhunderts – etwa Fulton J. Sheens Deutung des Kommunismus als „Ersatzreligion“ – diagnostiziert Gress auch im Feminismus eine grundlegende Verschiebung: An die Stelle einer auf Beziehung und Verantwortung gegründeten Anthropologie trete ein Konfliktmodell. Wo Marxismus Klassenkampf denkt, denke Feminismus Geschlechterkampf. Gleichheit werde nicht mehr als gemeinsame Würde vor Gott verstanden, sondern als Auflösung aller als asymmetrisch empfundenen Unterschiede.
Historisch plaziert Gress diesen Bruch bereits früh, in den Anfängen der feministischen Bewegung. Sie widerspricht der verbreiteten Darstellung früher Feministinnen wie Mary Wollstonecraft als christlich motivierte Reformerinnen. Wollstonecraft habe vielmehr explizit antichristliche Positionen vertreten und jede vermittelnde Autorität – einschließlich Christi – als Einschränkung weiblicher Selbstverwirklichung abgelehnt. Feminismus sei daher nicht aus dem Inneren des Christentums hervorgegangen, sondern habe von Beginn an dessen Ersetzung angestrebt.
Autonomie, Neid und die Zerreißprobe der Beziehungen
Ein wiederkehrendes Motiv in Gress’ Kritik ist der moderne Autonomiebegriff. Feminismus, so ihre Diagnose, erhebe Unabhängigkeit vom relationalen Kontext zur höchsten Norm. Freiheit werde nicht mehr als Fähigkeit zur Bindung und Hingabe verstanden, sondern als Selbstbezug ohne Verpflichtung. Diese Form von Autonomie führe jedoch nicht zur Befreiung, sondern zur Vereinzelung und Erschöpfung – besonders bei Frauen, denen zugleich emotionale Erfüllung versprochen und permanente Unzufriedenheit eingeimpft werde.
Provokant ist Gress’ moraltheologische Zuspitzung: Sie sieht im Feminismus eine Kultur des Neids. Während die christliche Tradition bestimmte Versuchungen stärker mit Männern in Verbindung gebracht habe, sei Neid – das ständige Vergleichen und Begehren dessen, was andere haben – zur treibenden Kraft feministischer Narrative geworden. Frauen werde suggeriert, Erfüllung liege im Erwerb dessen, was Männern zugeschrieben werde: Macht, Status, Unabhängigkeit, Freiheit von Bindungen. Diese Dynamik zerstöre jedoch Solidarität und unterminiere Empathie.
Christliche Geschichte gegen feministische Amnesie
Ein weiterer Kernpunkt ist die Kritik an dem feministischen Geschichtsbild. Feminismus präsentiere sich oft als notwendige Antwort auf eine angeblich durchgängige Unterdrückung von Frauen in der christlichen Vergangenheit. Dem setzt Gress eine andere Lesart entgegen: Die christliche Tradition habe Frauen nicht nur Würde zugesprochen, sondern ihnen realen Einfluss ermöglicht – politisch, kulturell, spirituell.
Sie verweist auf historische Beispiele katholischer Frauen, die Klöster gründeten, Bildungssysteme aufbauten, Herrscher berieten oder politische Verantwortung trugen. Gerade Ordensfrauen spielten im 19. Jahrhundert – etwa in den USA – eine zentrale Rolle im Bildungswesen. Diese Geschichte werde im feministischen Narrativ systematisch ausgeblendet, um den Eindruck einer totalen Befreiung erst durch den Bruch mit dem Christentum zu erzeugen.
Paradoxerweise, so Gress, hat gerade das Christentum die Voraussetzungen geschaffen, auf denen Feminismus aufbauen konnte: die Vorstellung gleicher Würde aller Menschen und die besondere Aufmerksamkeit für die Schwachen. Feminismus habe diese Impulse übernommen, sie jedoch von ihrem geistlichen Ursprung gelöst und gegen Kirche und Familie gewendet.
Jenseits von Feminismus und Gegenreaktion
Gress’ Kritik richtet sich nicht nur gegen den Feminismus, sondern auch gegen vereinfachende Gegenbewegungen. Teile der zeitgenössischen „manosphere“ reduzierten Frauen auf idealisierte Rollenbilder und reagierten auf feministischen Ressentiments mit eigenen. Beide Seiten, so Gress, bewegten sich im selben ideologischen Feld: Autonomie, Macht und Verletzung.
Als Alternative stellt sie keine neue Ideologie vor, sondern eine Rückkehr zum christlichen Denken in Berufung. Christliche Anthropologie frägt nicht zuerst nach Rechten oder Rollen, sondern nach dem konkreten Ruf Gottes im jeweiligen Leben. Ehe, Familie und Arbeit wird nicht abstrakt festgelegt, sondern gemeinsam im Licht von Glaube, Verantwortung und Umständen unterschieden.
Ein Streit, der die Kirche herausfordert
Ihre Analyse verdeutlicht: Die Frage über Feminismus in der katholischen Kirche berührt grundlegende anthropologische und theologische Annahmen. Es geht nicht um Gleichberechtigung oder Machtverteilung, sondern um das Menschenbild, das Freiheit, Beziehung und Berufung zusammenhält.
Das Buch gibt einen Anlass, die oft unhinterfragte Allianz zwischen Christentum und Feminismus zu untersuchen – und die spezifisch christlichen Ressourcen für die Würde und Sendung von Frauen wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken.