Die außergewöhnlichen Gnaden, die Gott manchen Heiligen schenkt, erscheinen uns oft weit entfernt von unserem eigenen Leben. Doch sie sind nicht nur außergewöhnliche Ereignisse in der Kirchengeschichte. Sie wollen uns auf eine tiefere Wirklichkeit hinweisen: Gott möchte jedes Herz mit seiner Liebe berühren und verwandeln.
Die Transverberation – das geheimnisvolle Durchbohren des Herzens durch die göttliche Liebe – war bei Pater Pio eine einzigartige mystische Gnade. Sie war zugleich Vorbereitung auf seine Stigmatisation und eine tiefere Vereinigung mit dem gekreuzigten Christus. Auch wenn die meisten von uns keine außergewöhnlichen mystischen Erfahrungen machen, sind wir doch alle dazu berufen, unser Herz immer mehr von der Liebe Gottes formen zu lassen. Jeder Verzicht aus Liebe, jedes geduldig getragene Kreuz und jedes treue Ja zum Willen Gottes lässt Christus unser Herz tiefer verwandeln. Die Transverberation Pater Pios erinnert uns daran, dass wahre Liebe nicht oberflächlich bleibt – sie kostet etwas, schenkt aber zugleich den tiefsten Frieden und die innigste Gemeinschaft mit Gott.
Die Transverberation des heiligen Pater Pio, 5. August 1918
Der heilige Johannes vom Kreuz beschreibt das Phänomen der Transverberation als das geheimnisvolle Durchbohren der Seele durch einen Seraph, der sie mit einem feurigen Pfeil der göttlichen Liebe trifft. Die Seele wird von der Liebe Gottes entflammt und zugleich verwundet. Gerade diese Wunde lässt sie die überströmende Liebe Gottes auf einzigartige Weise erfahren.
Im Sommer 1918 tobte noch immer der Erste Weltkrieg. Papst Benedikt XV., der den Krieg als den „Selbstmord Europas“ bezeichnete, rief die Christen eindringlich zum Gebet für den Frieden auf.
Am 27. Juli 1918 bot sich Pater Pio Gott als Opferseele für das Ende des Krieges an. Wenige Tage später, zwischen dem 5. und 7. August, wurde ihm eine außergewöhnliche mystische Gnade zuteil. Während er Beichte hörte, erschien ihm Christus in einer Vision und durchbohrte seine Seite. Seit diesem Augenblick trug Pater Pio dort eine sichtbare Wunde. Dieses Ereignis wird als Transverberation bezeichnet – als Zeichen einer tiefen Vereinigung der Seele mit der Liebe Gottes.
Eine Zeit tiefster innerer Prüfung
Mit der Transverberation begann für Pater Pio eine etwa sieben Wochen dauernde Zeit großer geistlicher Leiden. Ein Mitbruder berichtete später:
„Sein ganzes Aussehen hatte sich verändert, als wäre er gestorben. Er weinte und seufzte unaufhörlich und sagte, Gott habe ihn verlassen.“
In einem Brief an seinen geistlichen Begleiter Pater Benedetto vom 21. August 1918 schilderte Pater Pio selbst, was sich ereignet hatte:
Während ich am Abend des 5. August den Jungen die Beichte hörte, erschrak ich plötzlich beim Anblick einer himmlischen Gestalt. Sie hielt eine Art Waffe in der Hand, eine sehr lange, scharf zugespitzte Klinge aus Stahl, aus der Feuer hervorzugehen schien. Im selben Augenblick schleuderte sie diese mit aller Kraft in meine Seele. Ich schrie auf und hatte das Gefühl zu sterben. Ich bat den Jungen zu gehen, denn ich fühlte mich krank und hatte keine Kraft mehr weiterzumachen.
Diese Qual dauerte ohne Unterbrechung bis zum Morgen des 7. August. Ich kann nicht beschreiben, wie sehr ich in diesen Tagen litt. Es war, als würden selbst meine Eingeweide von dieser Waffe zerrissen. Seit jenem Tag trage ich eine tödliche Wunde in mir. Tief in meiner Seele spüre ich eine Wunde, die niemals heilt und mir unaufhörliche Qual bereitet.
Die Vorbereitung auf die Stigmata
In einem weiteren Brief vom 5. September 1918 schrieb Pater Pio:
Ich sehe mich in einem Meer von Feuer versunken. Die Wunde, die sich wieder geöffnet hat, blutet unaufhörlich. Schon dies allein genügte, mich tausendmal sterben zu lassen … Der unerträgliche Schmerz dieser offenen Wunde bringt mich gegen meinen Willen zur Verzweiflung, macht mich fast wahnsinnig. Ich bin ihr völlig ausgeliefert.
Nur dreizehn Tage später, am 20. September 1918, empfing Pater Pio die heiligen Wundmale Christi.
Die ärztlichen Untersuchungen
Die ungewöhnliche Seitenwunde wurde mehrfach ärztlich untersucht. Dr. Luigi Romanelli, Chefarzt des Krankenhauses von Barletta, beschrieb eine etwa sieben bis acht Zentimeter lange und ungewöhnlich tiefe Wunde im linken Brustbereich.
Auch der bekannte römische Chirurg Dr. Giorgio Festa untersuchte Pater Pio. Er stellte fest, dass die Wunde die Form eines schräg verlaufenden Kreuzes hatte. Obwohl sie äußerlich nicht tief erschien und keinerlei Anzeichen einer Entzündung zeigte, beobachtete er wiederholt einen erheblichen und anhaltenden Blutverlust, für den sich keine natürliche medizinische Erklärung finden ließ.
Eine besondere Gnade Gottes
Viele geistliche Schriftsteller sehen in der Transverberation eine Vorbereitung auf die bevorstehende Stigmatisation. Zugleich war sie eine besondere Gnade, durch die Gott Pater Pio befähigte, die kommenden körperlichen und seelischen Leiden in inniger Vereinigung mit Christus zu tragen.
Dass diese geheimnisvolle Verwundung nicht nur Schmerz, sondern zugleich eine tiefe Freude der Gottesvereinigung schenkte, bezeugt Pater Pio selbst in einem Brief vom 12. Januar 1919:
Aus Freude darüber, Ihn in mir zu besitzen, kann ich nicht anders, als mit der heiligsten Jungfrau zu sagen: ‚Mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.‘ Und mit der Braut des Hohenliedes spreche ich: ‚Ich fand den, den meine Seele liebt; ich hielt ihn fest und ließ ihn nicht mehr los‘.
Die Transverberation zeigt eindrucksvoll, dass die Liebe Gottes zugleich verwunden und heilen kann. Wer sich Christus ganz schenkt, wird zwar oft tiefer in sein Kreuz hineingenommen, erfährt aber auch eine innigere Gemeinschaft mit Ihm. So wurde Pater Pios geheimnisvolle Herzenswunde zum sichtbaren Zeichen seiner immer tieferen Vereinigung mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn.
O unbeflecktes Herz Mariens, bitte für uns!
Heiliger Pater Pio, bitte für uns!