Ein Leben ganz für Christus
Das Leben des seligen Karl Leisner ist ein starkes Zeugnis in seiner Treue zu Christus in Zeiten von schwerer Verfolgung und Leiden. Früh erkannte er seine Berufung zum Priestertum und stellte sein Leben in den Dienst Gottes und der Jugend. Krankheit, Gefangenschaft und die Schrecken des Konzentrationslagers konnten seine Liebe zu Christus und seine Sehnsucht nach dem Priestertum nicht auslöschen. In Dachau empfing er schließlich heimlich die Priesterweihe und feierte seine erste und zugleich letzte Heilige Messe. Er gab sein Leben für die jungen Menschen, für die leidende Menschheit und für ein neues christliches Europa.
Jugend und Berufung
Karl Leisner wurde am 28. Februar 1915 in Rees am Rhein geboren. Zusammen mit seinem Bruder und seinen drei Schwestern wuchs er in einer katholischen Familie auf, die ihm Geborgenheit und Frömmigkeit, aber auch Freude an der Natur, an Musik und am Spiel schenkte. 1921 zog die Familie nach Kleve.
Mit zwölf Jahren trat Karl der katholischen Jugendbewegung bei. Auf Wanderungen und beim Zelten lernte er seine Umgebung kennen; zugleich wuchs seine Freude an der Gemeinschaft und bald zeigte sich sein Talent zur Gruppenleitung. Die Jugendbewegung führte ihn aber noch tiefer zu Christus: zur Heiligen Schrift und besonders zur Heiligen Eucharistie. Sein geistliches Leben begann sich zu entfalten, auch wenn es von täglichen Kämpfen um Dienstbereitschaft und Selbstbeherrschung begleitet war.
Mit 16 Jahren nahm er an seinen ersten Exerzitien bei den Benediktinern in Gerleve teil. Zwei Jahre später vertiefte sich während Exerzitien in Schönstatt seine Marienverehrung. Die Schönstatt-Spiritualität inspirierte ihn zu einer strengeren Ordnung seines täglichen Lebens.
Als Schüler erlebte Karl den Beginn des „Dritten Reiches“. Seine Arbeit für die Jugend wurde nun immer zielgerichteter. Er wollte möglichst viele junge Menschen für Christus gewinnen und sie vor der Nazi-Ideologie bewahren. In seinem Tagebuch schrieb er damals: „Christus, du bist meine Leidenschaft.“
Im Herbst vor seinem Abitur entschloss er sich endgültig, Theologie zu studieren und Priester zu werden. Im Mai 1934 begann er in Münster sein Studium. Schon im zweiten Semester übertrug ihm Bischof Clemens August Graf von Galen die Leitung der diözesanen Jugendarbeit. Karl nahm diesen Auftrag gläubig an, war sich aber der Gefahr bewusst: Jede Jugendarbeit außerhalb der Hitlerjugend war verboten. Bald wurde die Gestapo auf ihn aufmerksam.
„Christus in dieser Zeit zu leben“
Nach weiteren Studienjahren, einer Romwallfahrt und schweren inneren Kämpfen um seine Berufung kehrte Karl nach Münster zurück. Nach und nach wurde sein Weg zum Priestertum immer klarer. Sein inneres Leben gestaltete er bewusst christozentrisch.
Im Priesterseminar schrieb er:
„Das ist der eigentliche Sinn meines Lebens: Christus in dieser Zeit zu leben. Christus, wenn du nicht existierst, dann brauche ich auch nicht da zu sein.“
Bereits vor seiner höheren Weihe hatte er in sein Tagebuch geschrieben:
„In stillen Stunden des Kampfes hat mich der ewige Hohepriester Jesus Christus zur Gnade seines Priestertums berufen. Deine Seele muss für das Reich Gottes und das Heil der Seelen brennen.“
Nach dem Pflichtarbeitsdienst und einer Zeit innerer Reifung empfing Karl am 4. März 1939 die Subdiakonatsweihe und am 25. März die Diakonatsweihe. Nun schien seine Priesterweihe nahe.
Das Kreuz der Krankheit
Doch plötzlich wurden alle Pläne durchkreuzt. Bei einer medizinischen Untersuchung wurde eine schwere Lungentuberkulose festgestellt. Karl musste sein Studium unterbrechen und das Priesterseminar verlassen. Für ihn war es ein Schock. Würde er sein Ziel jemals erreichen?
Auf dem Weg zum Sanatorium in St. Blasien unterbrach er seine Reise und begab sich zum nahegelegenen Wallfahrtsort der Schönstatt-Bewegung in Vallendar. In der Kapelle kniete er vor dem Bild der Gottesmutter nieder. Sein Gebet begann in Not und Niedergeschlagenheit, verwandelte sich aber in Vertrauen:
„Verfüge ganz über mich.“
Mit Maria, der Magd des Herrn, wollte er zu Gott sprechen: „Fiat voluntas tua – Dein Wille geschehe.“ Er bat darum, durch Maria die Gnade zu erhalten, dieses bedingungslose Ja zum Willen Gottes zu sprechen. Getragen von diesem Vertrauen setzte er seine Reise nach St. Blasien fort.
Das Kreuz hatte Karl schon vor seiner Diakonatsweihe als Teil seiner Berufung erkannt:
„Ich kann und will nicht mehr anders, auch wenn es mich das Leben am Kreuz kostet.“
Nun war dieses Kreuz in Gestalt der schweren Krankheit über ihn gekommen.
Verfolgung und Gefangenschaft
Im Herbst 1939 ging es Karl bereits besser, und er sollte aus dem Sanatorium entlassen werden. Doch am 8. November wurde ein Attentatsversuch auf Hitler verübt. Als ein Mitpatient Karl am nächsten Morgen davon erzählte, reagierte er spontan mit dem Wort: „Schade.“
Durch die Weitergabe dieser Äußerung brach das Unheil über ihn herein. Noch am selben Morgen wurde er verhört und am Nachmittag ins Gefängnis nach Freiburg gebracht. Nach einem weiteren Aufenthalt im Gefängnis von Mannheim folgte am 15. Februar 1940 die Einweisung in das Konzentrationslager Sachsenhausen.
Im Dezember 1940 wurde Karl zusammen mit den inhaftierten Priestern nach Dachau verlegt. Für einen Menschen mit schwerer Lungentuberkulose bedeuteten die unmenschlichen Bedingungen des Lagers eine zusätzliche Qual.
Im Sommer 1942 war Karl körperlich so geschwächt, dass er in die Krankenbaracke verlegt werden musste. Dort waren Lungenkranke und Sterbende unter grausamen Bedingungen zusammengepfercht. Sein Leiden konnte er nur noch Gott aufopfern. Er lebte nach dem Wort des Apostels Paulus:
„Ich ergänze in meinem Leib, was an den Leiden Christi noch fehlt.“
Die Heilige Schrift und die Eucharistie
Die Heilige Schrift begleitete Karl schon während des Arbeitsdienstes. Besonders der Apostel Johannes sprach ihn an. Das Neue Testament lag unter seinem Kopfkissen; in der Krankenbaracke las er noch intensiver darin.
Pater Pies, sein Mitgefangener und Pfleger, berichtet, wie Karl zwischen Leben und Tod lag, umgeben vom Stöhnen und Wehklagen der Kranken und Sterbenden. Doch er betete um Kraft und fühlte sich in der Liebe Christi geborgen.
Auch die Eucharistie wurde ihm in der Gefangenschaft immer kostbarer. Nach bitteren Tagen der Isolation im Freiburger Gefängnis schrieb er am 19. November 1939:
„Heilige Messe mit Kommunion – wie sehr weiß man doch das zu schätzen, was man lange entbehren musste.“
In Sachsenhausen gab es später jeden Morgen eine Heilige Messe, und Karl durfte als Diakon die Heilige Kommunion austeilen. Auch in Dachau wurde seit Januar 1941 täglich die Eucharistie gefeiert. Pater Pies nannte diese Feiern die „Katakombenmesse“. Noch vor dem Morgenappell schöpften die Priester in der Heiligen Messe Kraft für den Tag – ohne zu wissen, ob sie den Abend erleben würden.
Als die Not immer größer wurde, vertiefte sich Karls Verbindung zur Eucharistie noch weiter. Eine von Priesterkameraden mitgebrachte Hostie bewahrte er heimlich in einer Dose unter seinem Kopfkissen auf. So wollte er den Herrn Tag und Nacht bei sich haben.
Die Priesterweihe in Dachau
Im Herbst 1944 wurde der französische Bischof Gabriel Piguet als Gefangener nach Dachau gebracht. Er war bereit, Karl Leisner, der inzwischen vom Tod gezeichnet war, zum Priester zu weihen.
Unter großer Gefahr wurden die Vorbereitungen getroffen. Am dritten Adventssonntag, dem 17. Dezember 1944, empfing Karl Leisner im Konzentrationslager Dachau die Priesterweihe. Sie fand in Armut und Würde und ohne Wissen der SS-Wachen statt, in Anwesenheit vieler inhaftierter Priester.
Für Karl waren es die schönsten Stunden seiner gesamten Gefangenschaft. Nun durfte er im Auftrag der Kirche selbst die Heilige Eucharistie feiern.
Am Fest des heiligen Stephanus, dem 26. Dezember, zelebrierte er seine erste Heilige Messe. Sie sollte zugleich seine letzte sein. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich weiter, und bald war er nicht mehr in der Lage, die Heilige Messe zu feiern.
Während der letzten zehn Tage vor seiner Priesterweihe hatte Karl mitten in der überfüllten Krankenbaracke Exerzitien gehalten. Besonders vertiefte er sich in die Evangelien und in das Johannesevangelium mit seiner Botschaft vom Priestertum Jesu Christi.
Sein eigenes Leben als Opfer
Karl Leisner hatte einen langen und harten Weg von fünfeinhalb Jahren Krankheit, Gefangenschaft und Lager hinter sich. Nach der Befreiung Dachaus Ende April 1945 konnte er als Schwerkranker in das Sanatorium Planegg bei München gebracht werden. Dort empfing er die Eucharistie als Wegzehrung auf seinem letzten Weg.
Er hatte bei seiner Priesterweihe den Auftrag erhalten, die Botschaft Christi zu verkünden und die Eucharistie zu feiern. Doch nun, da Deutschland nach Krieg und nationalsozialistischer Herrschaft diese Botschaft so dringend brauchte, konnte er seinen priesterlichen Dienst nicht mehr ausüben.
Noch einmal hoffte er auf Genesung. Doch seine Sehnsucht galt vor allem dem Altar:
„Ich bin froh, dass ich segnen darf. Gott, führe mich bald wieder zum Heiligen Altar, damit ich Dir, liebster Vater, Deinen geliebten Sohn opfern darf. O, wie sehr sehne ich mich danach!“
Doch er wusste, dass sein Leben zu Ende ging. Er konnte die Heilige Messe nicht mehr feiern – nun konnte er nur noch sich selbst opfern. Sein Weg führte hinauf zur Höhe des Kreuzes. Seine Hingabe wurde zum Gebet für die Kirche, für die Jugend und für die leidende Menschheit.
„Du armes Europa, kehre zurück zu deinem Herrn Jesus Christus!“
In seinen letzten Tagen las Karl ein Buch über Europa. Dabei schrieb er:
„Du armes Europa, kehre zurück zu deinem Herrn Jesus Christus! Kehre zurück zur erfrischenden Quelle der göttlichen, wahren Kraft! Heiland, lass mich dabei ein wenig ein Werkzeug für Dich sein, o, ich flehe Dich an!“
Am 12. August 1945 war sein Opfer vollbracht. Nach Jahren der Krankheit, Verfolgung und Gefangenschaft gab er sein Leben für die Jugend, für die leidende Menschheit und für ein neues christliches Europa.
Seliger Karl Leisner, Priester und Märtyrer des Glaubens, bitte für uns!