Mutter. Und in welchem Menschen wäre nicht eine Zuneigung zur Mutter? Maria ist
unsere himmlische Mutter. Das katholische Volk hängt mit allen Fasern des
Herzens an ihr. Die schönsten Lieder und Bilder hat es ihr gewidmet, die
herrlichsten Kirchen und Dome ihr gebaut. Selbst im entlegensten Gebirgswinkel
kann man da und dort ein Liebfrauen-Bildstöckel finden, zu dessen Füßen eine
fromme Hand blauen Enzian und roten Almrausch gelegt hat.
Und wenn dann erst noch die Glocken zu schwingen anheben
und in alle Täler, wo Christen wohnen, die Kunde hinaustragen: „Heut‘ ist
Frauentag“, dann huscht es wie Sonnenschein über das arbeitsernste
Menschengesicht, dann legt man alles beiseite, zieht das Festtagsgewand an und
pilgert zur Kirche. Aber der schönste und dem Volk am meisten ans Herz
gewachsene Frauentag ist doch Mariä Himmelfahrt — jetzt, nachdem der alte
Glaube an die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel zum Dogma erhoben wurde,
erst recht.
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| Gemälde von Matheo Cerezo *) |
Da genügt nicht der übliche Festschmuck, da will jedes Kind seinen
Blumen- und Kräuterbuschen ins Gotteshaus tragen, der himmlischen Jungfrau zur
Ehre.
Maria, der Rose von Jericho,
der Palme von Kades, der wohlriechenden Olive, wie die Heilige
Schrift sie nennt, Maria, deren Grab nach der Legende der kostbarste Blumenduft
entströmte, weiht die Kirche an ihrem herrlichen Ehrentag Büschel
wohlriechender Sommerkräuter. Maria ist ja die schönste Blume, die je erblühte.
Von ihr sagt das Lied:
Am Vorabend des Festes plündern die Kinder den häuslichen
Blumengarten aus und betteln bei Nachbarn und Bekannten Blüten zum Würzwisch.
Nur solche Kräuter werden gewählt, die nach der Meinung des Volkes dienlich
sind, die Gesundheit zu festigen, Krankheiten zu heilen und Unglück von Haus
und Stall abzuwenden. In die Mitte des Buschens kommt der hochragende „Himmelbrand“, die lange Wetter- oder Königskerze. Von ihr sagt der
Volksmund: „Unsere Liebe Frau geht über Land, trägt den Himmelbrand in der
Hand.“ Um die Königskerze reihen sich Thymian, Johanniskraut, Wermut, Arnika,
Tausendgüldenkraut, Nachtschatten, Pfefferminz, Fingerhut, Kamille, Schafgarbe
… , lauter Kräuter, die heilkräftige Tränklein geben für Mensch und Vieh.
Dazu kommen noch goldene Ähren und schlanke Haselnussgertlein, die den
Blütenstrauß schützend umhecken.
Unter einer Haselnussstaude suchte nach der
Legende Maria Schutz, als sie auf dem Weg nach Bethlehem von einem Unwetter
überrascht wurde.
verwahrt, teils als Hausmittel in Krankheitsfällen, teils als Schutzmittel
gegen Unsegen. Bei schweren Gewittern legt die Hausmutter geweihte Kräuter ins
Herdfeuer. Wenn ein Kindlein fiebernd in den heißen Kissen liegt, mischt die
Mutter einiges von den geweihten Kräutern ins Bad oder ins kühlende Tränklein.
Wenn das Vieh im Stall von einer Seuche bedroht ist, gibt der Bauer den kranken
Tieren etwas aus dem Würzbusch.
Hat ja doch der Priester bei der Weihe gebetet: „Allmächtiger, ewiger Gott! Du hast Himmel und Erde, alles Sichte bare und
Unsichtbare erschaffen; du hast der Erde geboten, Pflanzen und Blumen zum
Gebrauch für Mensch und Tier zu erzeugen: wir bitten dich demütig, du wollest
diese Pflanzen der verschiedensten Art auf die Fürsprache der seligsten
Jungfrau Maria hin segnen und heiligen, damit sie allen, die davon Gebrauch
machen, ein kräftiges Heilmittel seien und von Menschen und Tieren, die sie anwenden,
alle Krankheit, Seuche und Schmerzen, alle feindlichen Einflüsterungen
fernhalten.“
An Mariä Himmelfahrt nimmt der sogenannte „Frauendreißiger“
seinen Anfang. Er endet am Fest Hl. Kreuz-Erhöhung, an dem man zum letzten Mal
den Wettersegen gibt. Die Kräuterwelt hat in diesen Tagen ihre höchste
Vollendung erreicht. Nach altem Volksglauben ist im Dreißiger die ganze Natur
dem Menschen am freundlichsten gesinnt; denn die Gottesmutter weiht sie vom
Himmel aus. In dieser Zeit haben wohltätige Pflanzen ihre höchste Kraft. Eine
berühmte Dreißigerpflanze ist der Allermannsharnisch oder die Siegwurz. Sie
galt unseren Vorfahren als unfehlbares Schutzmittel gegen Hieb, Stich und Schuss.
Nelken geraten besonders gut, wenn man sie im Dreißiger versetzt. Bei den Bäuerinnen
stehen die Dreißigeier in hoher Gunst. Sie halten sich am längsten frisch und
schmecken am besten.
flattern zitternd in der Herbstsonne. Der fromme Volksglaube sieht darin Fäden,
die zornige Teufel der Gottesmutter aus ihrem Mantel rissen, als sie sich an
die zum Himmel schwebende Königin vergeblich anzuklammern suchten. Die
Marienfäden sind das Silberhaar des greisenden Jahres. Der Sommer ist vorüber;
es herbstelt.
und Segenskraft der Kirche“, Alphons Maria Rathgeber, Verlag Albert Pröpster,
Kempten im Allgäu, 1956.





