Der große und beständige Kampf im Leben des Heiligen war gegen die Feinde Gottes und der Seelen gerichtet – jene Dämonen, die danach trachteten, seine Seele zu ergreifen.
— Pater Gabriele Amorth
Das Leben von Pater Pio bleibt von Geheimnissen umhüllt; doch in seinen Briefen an seine geistlichen Begleiter erhalten wir Einblicke in seine Kindheit. Dort berichtet er von Momenten, in denen er als Kind mit dem Jesuskind spielte, stets in der Gegenwart Mariens. Er hatte nie über diese Erfahrungen gesprochen, da er sie für gewöhnlich hielt. Er war zu demütig, um etwas anderes anzunehmen.
In diesen Momenten beginnen wir zu verstehen, wie dieser Mann, der fünfzig Jahre lang täglich das Leiden Christi durchlebte, dennoch so voller Freude bleiben konnte. Sein Herz war erfüllt von Liebe, in ständiger Gemeinschaft mit unsichtbaren Geheimnissen. Selbst im Kampf gegen die dunklen Mächte des Bösen fand er Trost in der beständigen Gegenwart der Gottesmutter und seines Schutzengels.
In diesen kostbaren Briefen an Padre Agostino und Padre Benedetto entsteht gleichsam das Tagebuch einer Seele, das einen Heiligen auf seinem Weg erkennen lässt.
Wir erfahren auch, dass das Leiden Pater Pios bereits in seiner frühen Kindheit begann. Er schrie vor Angst, wenn seine Mutter nachts das Licht löschte. Dämonen erschienen ihm und verschwanden erst, wenn seine Mutter das Licht wieder einschaltete.
Mit dem Eintritt ins Noviziat intensivierte sich sein Leiden. Dämonen quälten ihn unablässig, versuchten ihn dazu zu bringen, seinem Glauben abzuschwören, und wollten ihn davon überzeugen, dass der Herr ihn verlassen habe. Doch Pater Pio blieb standhaft, ertrug die Prüfungen und brachte seine Leiden dem Herrn dar.
Er nahm das Kreuz Christi auf sich und trug es bis nach Golgotha.
In einem Brief an Padre Agostino vom 20. September 1912 spricht Pater Pio von der Freude, die er empfindet, wenn er das Kreuz Jesu trägt:
Ich leide … sehr. Doch dank unseres guten Jesus verspüre ich noch ein wenig Kraft. Und wenn Jesus hilft, wozu wäre das Geschöpf nicht fähig? Ich wünsche keineswegs, dass mein Weg erleichtert werde. … Wenn ich das Kreuz auf seinen Schultern betrachte, fühle ich mich immer mehr gestärkt und frohlocke in heiliger Freude. Dennoch spüre ich in mir das große Bedürfnis, immer lauter zu Jesus zu rufen mit dem Lehrer der Gnade: „Gib mir, was du befiehlst, und befiehl, was du willst.“
Daher, mein lieber Vater, lasse nicht zu, dass der Gedanke an mein Leiden einen Schatten auf deinen Geist wirft oder dein Herz betrübt. Lasst uns also nicht weinen, mein lieber Vater. Wir müssen unsere Tränen vor Dem verbergen, der sie sendet – vor Dem, der selbst geweint hat und weiterhin jeden Tag weint. Wegen der Undankbarkeit der Menschen erwählt Er Seelen, und trotz meiner Unwürdigkeit hat Er auch meine erwählt, um Ihm bei der gewaltigen Aufgabe der Erlösung der Menschen zu helfen. Das ist der ganze Grund, warum ich mehr und mehr leiden möchte, ohne den geringsten Trost. Darin besteht all meine Freude.
(Briefe I, 342)
Betrachtung
Wie wir sehen, nahm Pater Pio jede körperliche und geistige Prüfung bereitwillig und freudig an. Prüfungen sind ein Zeichen tiefer Würde und einer erhabenen Bestimmung. Sie offenbaren unsere Fähigkeit zu Wachstum, Standhaftigkeit und Mitgefühl. Sie fordern uns heraus, über Schwierigkeiten hinauszuwachsen, unseren Charakter zu formen und Sinn zu suchen – all das unterstreicht unseren inneren Wert und unsere Fähigkeit, die Komplexität des Lebens mit Anmut und Stärke zu meistern.
Pater Pio war zutiefst berührt und demütig angesichts der Wahrheit, dass der Herr seine Mitwirkung an der Erlösung der Menschheit wünschte. In seinem Herzen wurde der Ruf Gottes zum Opfer für andere immer dringlicher. Er sehnte sich danach, seine Seele zur Ehre Gottes und als Sühne für die Undankbarkeit der Menschen darzubringen. Er wollte Güte und Mitgefühl verbreiten, Einheit fördern und Spaltungen heilen.
Diese Sehnsüchte gefielen Gott. Und doch sollte ihre endgültige Verwirklichung in seinem Leben nur durch geheimnisvolle Leiden an Seele und Leib geschehen.
Betrachten wir die folgenden Worte Pater Pios:
Dieses Herz gehört Dir … mein Jesus. Nimm dieses Herz, erfülle es mit Deiner Liebe und befiehl mir dann zu tun, was immer Du willst.
Christus, mein Erlöser …
…wie Pater Pio seine Seele zu Füßen des Kreuzes niederlegte, so wollen auch wir unsere Seelen neben die seine legen und durch das Kreuz zu den Pforten des Himmels schreiten, wo wir Dich finden werden, unseren Herrn, der den Tod besiegt hat.
Amen.
Beenden wir diese Zeit der Betrachtung und des Gebets mit einem Vaterunser, einem Gegrüßet seist du Maria und einem Ehre sei dem Vater.
Quelle: Carry the cross with Padre Pio, Susan de Bartoli