Dieser Artikel hilft uns dabei, den wahren Sinn des Karnevals wiederzuentdecken – nicht als oberflächliche Feier, sondern als geistliche Schwelle, als Vorbereitung zur Umkehr.
Heutzutage ist fast alles von seiner Bedeutung entleert. Feste werden zu Vorwänden für Exzesse, Traditionen verwandeln sich in bloße folkloristische Veranstaltungen, und Worte und Begriffe sind ausgehöhlt. Ein solcher Begriff, der seine Seele verloren haben, ist der „Karneval“. Viele verbinden „Karneval“ mit Kostümen, Übermaß und Vergnügen vor der Fastenzeit. Doch der ursprüngliche Sinn dieses Festes birgt immense geistliche Tiefe. Es geht um den bewussten Abschied von den Fleischeslüsten, das „carna vale“ – ein spirituelles Vorbereiten auf die Buße. Was bedeutet es wirklich, vom Fleisch Abschied zu nehmen? Geht es nur darum, ein paar Tage auf Fleisch zu verzichten? Natürlich geht es um etwas viel Tiefgründigeres und Radikaleres!
Die christlichen Wurzeln des Karnevals
Lange bevor die Welt den Karneval zu einem Spektakel des Übermaßes machte, hatte die Kirche bereits eine ernste Zeit der Vorbereitung auf die Fastenzeit etabliert.
In der alten liturgischen Tradition führten die Tage vor Aschermittwoch – Septuagesima, Sexagesima und Quinquagesima – die Seele allmählich in einen Bußgeist ein. Das „Halleluja“ verschwand aus der Liturgie, und die violette Farbe kündigte den geistlichen Kampf an. Die Kirche, wie eine weise Mutter, bereitete das Herz vor. Der Karneval markierte die Schwelle zwischen zwei Welten: Die der gewöhnlichen Zeit und der Zeit der Buße. Er war keine Einladung zur Sünde, sondern ein bewusster Abschied von legitimen Genüssen, um sich für das Opfer bereit zu machen. Das Christentum war nie ein Feind der Freude. Aber es lehrt, dass es Zeiten zum Feiern und Zeiten zur Reinigung des Herzens gibt.
„Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit“ (Kohelet 3,1).
„Abschied vom Fleisch“: Mehr als Nahrungsumstellung—eine spirituelle Entscheidung
Wenn die Kirche von „Fleisch“ spricht, meint sie nicht nur Nahrung. In der Heiligen Schrift symbolisiert das Fleisch die ungeordneten Neigungen, die menschliche Schwäche, den alten Menschen. Paulus erklärt dies deutlich: „Denn alle, die vom Fleisch bestimmt sind, trachten nach dem, was dem Fleisch entspricht, alle, die vom Geist bestimmt sind, nach dem, was dem Geist entspricht.“ (Römer 8,5).
„Abschied vom Fleisch“ zu nehmen, bedeutet also nicht einfach, das Menü zu ändern. Es ist die Kriegserklärung gegen alles, was uns innerlich versklavt. Fleisch im biblischen Sinne steht für: Selbstsucht, ungeordnete Sinnlichkeit, geistige Trägheit, Hochmut, übermäßige Anhaftung an Vergnügen.
Der tiefere Sinn der Zeit des Karnevals ist, sich vorbereitend zu fragen: Was beherrscht mein Leben? Was hindert mich daran, Gott mehr zu lieben? Welche Begierden steuern meine Entscheidungen? Das echte Fasten beginnt im Herzen.
Der Gegensatz zur modernen Welt
Wenn wir die heutige Kultur betrachten, sehen wir genau das Gegenteil vom ursprünglichen Geist des Karnevals. Heute ist Karneval gleichbedeutend mit: Übermaß, Sexualisierung, Aufhebung moralischer Hemmungen, lächerlich machen des Heiligen, Überschreiten von Grenzen.
Was ursprünglich ein bescheidener Abschied sein sollte, ist zu einer Apotheose der Ausschweifung geworden. Das geschah nicht zufällig. Diese Verformung ist entstanden, weil die moderne Gesellschaft das Bewusstsein für Buße verloren hat. Sie hat vergessen, dass der Mensch Reinigung braucht. Sie hat Freiheit mit Unkontrolliertheit verwechselt. Und doch hat das menschliche Herz weiterhin Durst nach Ordnung, Sinn und Erlösung. Wenn die Welt das Vergnügen übertreibt, versucht sie im Kern, eine geistliche Leere zu füllen, die nur Gott befriedigen kann.
Die spirituelle Pädagogik der Kirche
Die Kirche betrachtet die Fastenzeit nicht als Strafe, sondern als Therapie für die Seele. Wie der Körper Entgiftung braucht, so braucht auch die Seele Reinigung. Der Karneval war die letzte Erinnerung vor dieser geistlichen „Kur“: Bereite dich vor, vereinfache dein Leben, löse dich, ordne deine Begierden.
Fasten, Abstinenz und Buße haben eine menschliche und theologische Logik: Sie erinnern uns daran, dass wir nicht Sklaven unserer Impulse sind. Sie lehren uns, dass Vergnügen nicht das höchste Ziel ist. Sie ordnen uns auf die wahre Liebe aus.
Jesus selbst gab uns das Beispiel: „Diese Art kann nur durch Gebet und Fasten ausgetrieben werden“ (Matthäus 17,21). Geistlicher Kampf wird nicht durch Reden gewonnen, sondern durch innere Disziplin.
Wovon müssen wir Abschied nehmen?
Wenn Karneval „Abschied vom Fleisch“ bedeutet, müssen wir uns ehrlich fragen: Welches „Fleisch“ beherrscht heute unser Leben? Vielleicht ist es nicht das Steak.
Vielleicht ist es zwanghafter Konsum, Smartphone-Abhängigkeit, ständige Suche nach Anerkennung, Pornografie, Oberflächlichkeit, Mangel an Stille, intellektueller Hochmut. In unserer überreizten Gesellschaft kann echtes Fasten bedeuten: Fasten von Bildschirmen, von Lärm, von Kritik, von vergleichen, von Groll. Eigentlich beginnt die Fastenzeit lange vor dem Aschermittwoch: Sie beginnt, wenn wir erkennen, was uns von Gott entfernt.
Der alte und der neue Mensch
Paulus spricht vom „alten Menschen“ und vom „neuen Menschen“ (Epheser 4,22–24). Der Karneval symbolisiert den Übergang zwischen beiden. Der alte Mensch lebt unter der Herrschaft des Fleisches. Der neue Mensch lebt im Geist. Es geht nicht darum, den Körper zu verachten. Das Christentum ist nicht dualistisch. Der Leib ist gut, weil er von Gott geschaffen und vom Christus in der Inkarnation angenommen wurde. Das Problem ist nicht das Fleisch an sich, sondern seine Unordnung. Buße zerstört die Natur nicht; sie heilt sie. Fasten hasst den Körper nicht; es diszipliniert ihn. Verzicht nimmt die Freude nicht weg; er reinigt sie. Das Christentum will das Verlangen nicht vernichten, sondern auf Gott ausrichten.
Den Karneval wirklich leben
Um die authentische Bedeutung wiederzufinden, können wir uns vorbereiten.
Das Gewissen gut erforschen: Welche Gewohnheit beherrscht mich; welche Sünde wiederholt sich; welche Bindung fällt mir am schwersten loszulassen?
Sorgfältig wählen, worauf wir verzichten möchten: es darf schwerfallen.
Planen, die Fastenzeit gut zu verwenden durch: zur Beichte zu gehen, regelmäßig zu beten (auch wenn es kurze Momente sind), Bücher über Heilige zu lesen oder andere geistliche Lektüre und konkret Werke der Nächstenliebe zu üben.
Mäßigung vorbereiten: beim Essen, im Sprechen, bei „social media“ und anderen Konsumgewohnheiten.
Vergessen wir nicht, sich in der Familie darüber zu unterhalten, es den (Enkel-)Kindern zu erklären, damit auch sie verstehen was diese Zeit bedeutet.
Freiheit
In der Welt bedeutet Freiheit zu tun, was man will. Im Christentum ist Freiheit nicht Sklave seiner Wünsche zu sein. „Abschied vom Fleisch“ zu nehmen, ist heutzutage ein revolutionärer Akt. Wir merken wieder dass wir Kind Gottes sind.
Verzicht bringt uns zur Auferstehung
Verzicht ist immer auf etwas Größeres ausgerichtet. Er führt uns zu Ostern. Etwas Gutes zurücklassen, um etwas Besseres zu empfangen. Das Unmittelbare verlassen, um das Ewige zu umarmen. Christus fordert uns zum Verzicht auf um uns zu befähigen, eine tiefere Freude zu empfangen.
Ursprünglichen Karneval wiederentdecken
Wahrscheinlich können wir die Kultur nicht sofort verändern; mit unserem eigenen Herzen können wir aber schon beginnen. Feiert die Welt um uns hin das Übermaß, können wir uns auf die innere Freiheit freuen. Karneval ist nicht da um zu sündigen, um sich danach wieder „gut zu benehmen“. Es ist eine heilige Schwelle, ein Aufruf zur bewussten Umkehr. Es ist das Flüstern der Kirche, das uns sagt: „Bereite dich vor. Kehre zu Gott zurück. Ordne dein Leben. Verabschiede dich von dem, was dich bindet.“
Wenn wir die wahre Bedeutung von „Abschied vom Fleisch“ wiederentdecken, werden wir nicht nur die Fastenzeit verwandeln. Wir werden unser ganzes Leben verwandeln. Und dann werden wir verstehen, dass das größte Fest nicht der vorübergehende Karneval ist, sondern das ewige Osterfest, auf das wir zusteuern. Denn wahre Freude entsteht nicht aus Übermaß. Sie entsteht aus einem reinem Herzen.
Quelle: catholicus.eu